ILA 2026 – die Zukunft ist unbemannt

Zwischen General Aviation, grüner Luftfahrt und der Verschmelzung von ziviler und militärischer Luftfahrt

Beitrag in Pilot und Flugzeug, Heft 2026/07 (Ein persönlicher Messebericht)
Leipzig/Berlin, 26.08.2026

 

Es gibt Messen, die neue Produkte vorstellen. Und es gibt Messen, die den Beginn einer neuen Epoche markieren. Die ILA 2026 in Berlin gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Wer – wie der Verfasser – seit mehr als drei Jahrzehnten selbst fliegt, die Entwicklung der Allgemeinen Luftfahrt als Pilot und Luftrechtler begleitet und sich beruflich täglich mit Zulassungs-, Sicherheits- und Regulierungsfragen der Luftfahrt auseinandersetzt, betritt die ILA zunächst mit einer gewissen Erwartungshaltung. Man rechnet mit neuen Flugzeugen, neuen Triebwerken und vielleicht dem einen oder anderen interessanten Avioniksystem. Doch bereits nach wenigen Stunden auf dem Gelände drängt sich eine andere Erkenntnis auf: Die ILA 2026 ist keine klassische Luftfahrtmesse mehr. Sie ist die Leistungsschau einer neuen Luftfahrt, deren Koordinatensystem sich grundlegend verändert hat.

Die eigentliche Botschaft der Messe lautet:

Die Zukunft der Luftfahrt wird nicht mehr durch die Unterscheidung „zivil oder militärisch“ geprägt, sondern durch die Fragen „bemannt oder unbemannt?“ und „konventionell oder nachhaltig?“. 

Und genau diese Entwicklung wird auch die Allgemeine Luftfahrt in den kommenden Jahren nachhaltig verändern.

Die ILA als Spiegel der Zeitenwende

Schon der Messeplan macht deutlich, wohin die Reise geht. Die ILA gliedert sich heute in die Themenwelten Defence, Aviation, Space und Supplier. Die klassische General Aviation ist zwar noch präsent, bildet aber nicht mehr den Schwerpunkt.

Der Defence-Park und die großen Freiflächen werden von autonomen Systemen, Sensorik, Datenfusion und militärischen Anwendungen geprägt. Gleichzeitig dominieren in der Aviation-Halle die Themen Green Aviation, Digitalisierung und Automatisierung.

Bemerkenswert ist dabei, dass sich die bisherige Trennlinie zwischen ziviler und militärischer Luftfahrt zunehmend auflöst. Die gleichen Sensoren, die gleichen Kommunikationssysteme und vielfach sogar dieselben Flugzeugplattformen werden für zivile, behördliche und militärische Anwendungen entwickelt.

Die Luftfahrt wird zunehmend zu einem integrierten Technologieverbund.

MBDA und die Luftfahrt als Teil eines digitalen Gesamtsystems

Im Defence-Bereich wird diese Entwicklung besonders augenfällig. Systeme wie das am Stand von MBDA präsentierte MARS-3-Raketenartilleriesystem verdeutlichen, dass Luftfahrt heute weit mehr ist als das Bewegen von Menschen oder Lasten durch die Luft. Moderne Luftfahrtsysteme sind Bestandteile vernetzter Informations- und Wirkverbünde, in denen Sensorik, Datenverarbeitung und autonome Entscheidungsunterstützung eine immer größere Rolle spielen.

Dabei fällt auf, dass zahlreiche technologische Grundlagen – Navigation, Flugsteuerung, Kommunikation und Autonomie – identisch mit denen sind, die auch die zivile unbemannte Luftfahrt der Zukunft prägen werden.

Victor U250 – die Zukunft der Luftfracht ist autonom

Besonders interessant aus Sicht der Allgemeinen Luftfahrt erscheint die auf der ILA präsentierte Victor U250. Das Hybrid-VTOL-System ist als unbemanntes Luftfrachtflugzeug konzipiert und soll ab 2028 verfügbar sein.

Mit einer Nutzlast von bis zu 250 Kilogramm über 300 Kilometer oder alternativ 50 Kilogramm über bis zu 1.500 Kilometer Reichweite steht die Plattform exemplarisch für eine Entwicklung, die weit über militärische Anwendungen hinausreicht.

Der geöffnete Frachtraum mit standardisierten Ladeeinheiten und modularen Containern lässt bereits heute erkennen, wie künftig zeitkritische Logistik, Ersatzteilversorgung oder Katastrophenschutz aus der Luft organisiert werden könnten.

Gerade für den Bundesverband zivile Drohnennutzung (BVZD) bestätigt dieses Konzept eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet: Moderne Luftfahrtsysteme entstehen nicht mehr ausschließlich für einen einzelnen Markt, sondern werden von Anfang an als Dual-Use-Plattformen konzipiert.

Die Do228 NXT – ein Klassiker in neuer Rolle

Fast schon beruhigend vertraut wirkt daneben die ausgestellte Do228 NXT von General Atomics Aerotec. Für die Leserschaft von Pilot und Flugzeug ist die Dornier 228 seit Jahrzehnten ein Begriff – robust, vielseitig und universell einsetzbar.

Doch auch dieses Muster wird heute zunehmend als Multi-Role-Plattform verstanden. Grenzüberwachung, maritime Aufklärung, Sensorträger oder Spezialmissionen prägen das Einsatzprofil mindestens ebenso stark wie klassische Transportaufgaben.

Die Do228 NXT zeigt damit beispielhaft, dass die General Aviation keineswegs verschwindet. Sie verändert lediglich ihre Rolle innerhalb eines neuen luftfahrttechnischen Ökosystems.

CA-1 Europa – ein Blick auf die nächste Generation

Vielleicht das eindrucksvollste Symbol dieser ILA ist jedoch die futuristisch wirkende CA-1 Europa des deutschen Unternehmens Helsing.

Die große mattschwarze Plattform lässt den Betrachter unwillkürlich innehalten. Ihre Abmessungen verdeutlichen, dass wir die Ära kleiner taktischer Multicopter längst hinter uns gelassen haben. Hier entstehen unbemannte Luftfahrzeuge, die hinsichtlich Größe, Leistungsfähigkeit und Missionsprofilen in Bereiche vorstoßen, die bislang klassischen Flugzeugen vorbehalten waren.

Noch prägnanter als das Luftfahrzeug selbst ist jedoch der Werbeslogan am Stand eines anderen Ausstellers:

„The Future is Unmanned.“

Selten hat eine Messe ihre zentrale Botschaft so unverblümt formuliert.

Die Allgemeine Luftfahrt als Mutter der unbemannten Luftfahrt

Gerade für Pilotinnen und Piloten der Allgemeinen Luftfahrt ist eine Beobachtung von besonderer Bedeutung. Viele der ausgestellten unbemannten Systeme beruhen konstruktiv auf Technologien, die seit Jahrzehnten aus der Sport- und Reisefliegerei bekannt sind.

Leichtbauweise, Verbundwerkstoffe, sparsame Kolben- oder Hybridantriebe, einfache Tragwerkskonzepte und modulare Avionik – all dies sind klassische Merkmale der Ultraleicht- und Allgemeinen Luftfahrt. Zahlreiche Drohnen mittlerer Größe wirken im Grunde wie konsequent weiterentwickelte Ultraleichtflugzeuge, bei denen lediglich der Pilot durch zusätzliche Elektronik ersetzt wurde.

Die Konsequenz daraus ist bemerkenswert: Die Allgemeine Luftfahrt wird technologisch selbst zu einem Bestandteil der modernen Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur. Nicht, weil sie ihre zivile Identität aufgibt, sondern weil ihre jahrzehntelang entwickelten Konzepte heute die Grundlage autonomer Flugsysteme bilden.

Viele der auf der ILA ausgestellten Drohnen könnten – zumindest hinsichtlich ihrer aerodynamischen Auslegung – ebenso gut als Ultraleichtflugzeuge auftreten. Die Grenze verläuft nicht mehr zwischen zivil und militärisch, sondern zwischen bemannt und unbemannt.

Die Aviation-Halle: Grünes Fliegen und digitale Transformation

Während auf den Freiflächen die unbemannten Systeme dominieren, zeigt die Aviation-Halle den zweiten großen Entwicklungspfad der Luftfahrt: Nachhaltigkeit.

Alternative Antriebe, Hybridkonzepte und Forschungsprojekte zur Reduktion von Emissionen prägen das Bild. Besonders interessant ist dabei ein Demonstrator des Fraunhofer-Instituts und der Technischen Universität Dresden. Ein klassisches Leichtflugzeug dient hier als Plattform für zukünftige Automatisierungs- und Assistenzsysteme.

Gerade diese Kombination ist bezeichnend: Die Zukunft entsteht häufig nicht durch vollständig neue Luftfahrzeuge, sondern durch die intelligente Digitalisierung und Automatisierung bewährter Plattformen.

Branchenverband Zivile Drohnen (BVZD)

Das zentrale Ziel des Verbandes sind die wirtschaftliche Förderung der jungen Industrie, die Erhöhung der Flugsicherheit in Abgleich mit anderen Verkehrsteilnehmern und die positive Ausgestaltung politischer Rahmenbedingungen. Mitglieder des BVZD bieten in der gesamten Breite zivile Drohnen und Drohnendienstleistungen unterschiedlichster Art an. Wir sehen in der Nutzung ziviler Drohnen ein enormes wirtschaftliches, technisches und gesellschaftliches Potential. Sie haben die Kraft, Wirtschaft- und Arbeitsprozesse deutlich zu verändern und effizienter zu gestalten – nicht nur in der Logistik. Wir glauben an die Drohen-Zukunft mit neuen Formen der Mobilität und öffnen uns deshalb ausdrücklich auch Formen autonomer Mobilität.

Prof. Dr. Martin Maslaton

 

Prof. Dr. Martin Maslaton, Fachanwalt für Verwaltungsrecht und geschäftsführender Gesellschafter der MASLATON Rechtsanwaltsgesellschaft mbH. Seit 1994 fliegt er als Pilot Geschäftsreiseflugzeuge nach Instrumentenflugregeln, auch daraus resultiert sein umfassender Sachverstand zur Beratung in der Luftfahrtbranche.

Aus Sicht des Cockpits ist er aktiv in allen Bereichen des Luftverkehrsrecht (LuftVG, LuftVO, JAR-FCL/EASA, LuftSiG, Vertragsrecht, „ZÜP“) tätig: MEP, IR, EASA, HPA; Cheyenne Rating sowie vom LBA anerkannter Sprachprüfer Level 4, LBA: D-LT-0105; selbst Level 6. Als Hochschullehrer unterrichtet er das Recht der Erneuerbaren Energien und das Umweltrecht an der TU Chemnitz; mit der Realität einer neuen Energiewirtschaft beschäftigt er sich bereits seit 1987 intensiv. Martin Maslaton ist – neben weiteren Engagements – Mitglied des Vorstandes des BVZD und Inhaber des EU-Fernpilotenzeugnisses. Professor Maslaton ist darüber hinaus Redakteur im Luftfahrtfachmagazin „Pilot und Flugzeug“.

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